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Zeitung << 2/2007 << László Darvasi: Verrückte Helga


László Darvasi: Verrückte Helga
Drama auf der Bühne des Theaters und des Lebens

Autorin: Tünde Markóné Boda

Die 1994 erfolgte Tragödie der Konditorfamilie Z. Nagy und die verwickelte Angelegenheit von Helga Farkas inspirierte das Drama von László Darvasi („Verrückte Helga”), das in den neunziger Jahren mit Erfolg zum ersten Mal in Debrecen aufgeführt wurde. 2007 wurde das Stück nach zehn Jahren auch dem Szegeder Publikum bekannt gemacht.

Am 21. September 2007 – am Tage des ungarischen Dramas – wurde das Werk vom Regisseur József Bal im Szegeder Kleintheater inszeniert. „Im Stück von László Darvasi hat mich die Beziehung der Menschen untereinander am meisten interessiert”, sagte József Bal. „Es ist auch interessant, über welche besonderen Beziehungen, Zusammenhänge, Verwirrungen, die zum Zusammenhalt beitragen, Gemeinschaften verfügen. Wenn man einen kleinen Stein in eine solche Lache hineinwirft, dann wird auch das letzte Ende der Kette zucken, unabhängig davon, ob jemand die konkrete Affäre betrifft oder nicht. Jeder hat Dreck am Stecken, und in der Stadt schreckt jeder zusammen und beginnt vor seiner eigenen Tür zu fegen”, fügte er hinzu. László Darvasi hat es wirklich wohl gesehen und beschrieben. Laut Regisseur sei es ein prachtvoll geschriebener Text, der Stil poetisch, das Stück zugleich hart und dürr. Jedes Drama sei dann am besten, wenn es die wesentlichen Mechanismen aufgreift, und so vermag, zeitlos zu werden. Das Stück handelt noch von der geheimnisvollen Kriminalgeschichte von Helga Farkas, obwohl das im Stück so nicht geschrieben steht. Die Handlung spielt irgendwo in einer niederländischen Stadt, wo man Rosinen gern hat. Die Hauptfigur ist die verrückte Helga, die des Mordes verdächtigt wird, da sie in belastenden Umständen gefunden wurde. Das dem Drama zugrundeliegende Ereignis ist ein Mord, der außerhalb des Dramas begangen wurde. Helga ist blutbeschmiert, aber man kann nicht beweisen, ob sie die Mörderin war oder nicht. Am Ende des Stücks gebärt Helga ein Kind, aber man weiß nicht, wer der Vater des Säuglings ist, weil sie mit vielen Menschen sexuelle Beziehungen eingegangen war. Das dargestellte Ereignis im Werk hat zwei Kernpunkte: den im Drama nicht spielenden Mord und die auf die Geburt bezogenen Ereignisse. Das Werk spielt an den zwei Grenzen des Lebens: auf der Bühne der Geburt und des Todes. Die verborgenen Geheimnisse im Hintergrund halten die Handlung in Bewegung. Darvasi lässt immer nur erahnen, aber spricht es nicht direkt aus. Der Dialog im zweiten Akt beschäftigt sich mit Glauben, Teufel, Poetik und auch mit anderen philosophischen Fragen. Im Gegensatz zur Erzählung ist im Werk im Dialog Zweifel und Unsicherheit enthalten. Alles Wesentliche wurzelt in der Vergangenheit, und auch die Gegenwart erhält ihre Vernunft und Bedeutung durch die Vergangenheit. Die wichtigsten Punkte der Handlung sind der Mord, die Geburt, die Forderung nach Rechenschaft und der Tod. Die Struktur des Dramas ist polarisiert. Verrückt-normal, schuldig-schuldlos, Genuss-Schmerz, Männer-Frauen, Leben und Tod. Dementsprechend sind die Charaktere typisch angelegt und die kennzeichnenden Züge sind wohl anzuerkennen. Die dramatischen Elemente beruhen auf den Möglichkeiten der Sprache und der Wörter. László Darvasi spricht durch seine Figuren zum Leser oder zum Zuschauer. Man könnte folgende Fragen aufstellen: Wer beging den Mord und wem gehört das Baby? Das Stück beantwortet diese Geheimnisse nicht, sondern lässt die Fragen offen und stößt zum Nachdenken an. So erreicht Darvasi das Ziel, dass wir uns von außen sehen und unsere Schwächen vorfinden.



László Darvasi ist Dichter, Schriftsteller und Publizist. Er publiziert auch unter dem Namen Ernõ Szív. Er ist 1962 in Törökszentmiklós geboren. Sein Studium hat er an der Juhász-Gyula-Pädagogischen-Hochschule in Szeged absolviert. Er hat viele Preise bekommen, z.B. den Szép-Ernõ-Preis und den Déry-Tibor-Preis. Einige seiner Werke wurden aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt, z.B. Die Legende von den Tränengauklern (A könnymutatványosok legendája) (von Heinrich Esterer), Das traurigste Orchester der Welt (A világ legszomorúbb zenekara) (von Agnes Relle).